Erwin TRUM

1928 - 2001



Ich höre das Bellen eines Hundes

Hinter leuchtenden Lampen
Schirmt der Laden das Fenster
Die Nacht schirmt vor dem Fenster die Strasse
Die Strasse vor dem Acker das Dickicht

Ich höre unter der leuchtenden Lampe
Das Bellen eines Hundes vorm Fenster

Durch die Laden vorm geschlossenen Fenster
Wenn er stockt hör ich nichts
Als die Furchen des Ackers über die Strasse
Schleichen in den Windpausen ums Dickicht

Ich höre das Bellen eines Hundes
Ich erkenne im Fenster mein Gesicht

Erwin TRUM
Extrait de « Windrose ».

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MARIENLIED

Ein Tag geht unter, ein Tage geht auf
Heilige Maria, wir zweifeln in der Nacht
Es kommt ein Tag der hat keinen Namen
Es kommt ein Mann der hat ein Retortenauge
Es kommt ein Zyklop der hat ein Quecksilberherz
Der schaufelt und singt Dir zum Bleischuhtanz
Der gräbt Dir einen Traum aus der Steinzeit aus
Unsterblichkeit, davon spricht man so gern.

Es gibt keinen Traum der Schlaf begehrt
Ein Feuer erlischt, eine Asche flammt auf
Heilige Maria, wir ahnen Dich im Dunkeln
Wir zeichnen Dich in Milch, wir malen Dich in blau
Wir lesen in den Wolken und wir lesen im Staub
Der Tod ist ein Wunder das uns Märchen erzählt
Es gibt kein Erinnern das ewig währt.

Heilige Maria, dein senkrechtes Schweigen
Der Tod ist ein Wunder, der Tod ist ein Beischlaf
Silbenstotternd ein zahnloser Blinder tastet nach Heimat
Da steht ein schwarzes Denkmal das hat tausend Namen
Die hängen in den Wolken und schnappen nach Luft
Heilige Maria, trocknende Zunge
Es gibt eine Zeit die hat keinen Namen
Es gibt keine Hoffnung die ewig uns nährt

Heilige Maria aus der Schlucht deines Leibes
Wir öffnen die Arme, wir malen Dich in blau
Ein Traum aus der Steinzeit bringt uns die Eiszeit
Erwürgtes Wort in der Schleimhaut
Wir schlürfen deine Sterne, wir trinken dein Tau

Schwarzes Denkmal wir sinken und tauchen
Deine Brüste, es gibt ein Wort das hat keinen Namen
Wir zeichnen es im Dunkeln, wir ahnen es im Staub
Heilige Maria, dein senkrechtes Schweigen
Silbenstotternd ein zahnloser Blinder
Erwürgtes Wort in der Schleimhaut
Heilige Maria, dein Schamhaar Zenit-Nadir.

Erwin TRUM
6-V-97.

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Nimm besser Schnaps…

Nimm besser Schnaps zum schlafen
Andern genügt das gute Gewissen

Ich hab’s nicht, ich hab’s im Schubkarren gelassen

Bald kommt der Grosse Sandmann der
Mit einem Schlag ins Genick wie
Ein Karnickel dann in die Pfanne mich haut
Schwarze Zähne schon hab ich vom Pullenküssen
Bald wie der Tag weiss
Werd ich wie Koks brennen müssen

Gross ist mein Mund, grösser als ein Möbelwagen
Noch viel kleiner als jetzt
Ich hab ihn glücksend dem Neumond geklaut
Blau wie ein Turm

Erwin TRUM
Extrait de « Schnulzenbrot ».

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Abschrift

Morgens und abends je eine Pille
Auf nuchternem Magen (in Klammern)
Mit einem Glas Wasser

Wenn der Postbote kommt mit der Zeitung
Schiebt er ein neues Datum durch die Tür

Bevor du ausgehst
Achte auf Gas-und Wasserhahn
Lege den Fussabstreifer parallel vor die Schwelle
Wenn der Hausmeister ihn staubsaugt
Und für Sekunden beugt sein Ohr vor die Tür

Kommst du abends nach Hause
Schiebe vor den Riegel

Abends wie morgens die gleiche Pille
Genommen mit einem Glas Wasser

Bevor du zu Bett gehst
Ziehe auf die Uhr an der Wand
Sieh das Gas und das Wasser nach
Bevor du einschläfst
Eine weisser Mond glänzt an der Tür.

Erwin TRUM
Extrait de « Windrose ».

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Algier

Mit nur einem Top voll Kichererbesen
Und einem mauloffenen Karpfen zog die Nacht
Legte der Wind sich ins Meer
Der Mond auf dem Marktplatz
Schiebt Waffenfet und Kähne voll Mäntel vor sich her

Gelbe Zähne streckt der Schreiner mir aus
Ein Weib wirft ihre Zöpfe
Dem Zimmer ins Gesicht
Blaue Hähne krähen, Pasteken
Klatschen fleischoffen ins Licht

Vom Fenster bläst Salzluft herein
Sterne, Pingpong-Balle, blinde Vasen
Schuppige Blumen, schlohweisse Fahnen,
Badende Narbe und still rührst du die Milch

Mit nur einem Topf Kichererbsen
Kam und kommt vorbei die Bettlerin
Ein Auge glänzt wie ein vermummtes Gewehr
Das andre niemals enthüllt sich.

Erwin TRUM
Extrait de « Windrose ».

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Wer noch nie…

Wer noch nie hat Pralinen gegossen
Auf Hammelsrücken was Enzian
Wer noch nie in den Käse geschossen
Hat Löcher krachend wie in die Kegelbahn
Der weiss nicht warum Tränen blinken
Wie Tropfen aus dem Wasserhahn

Wer noch nie die Gans selbst abgestochen
und Butter sich in die Ohren gepropft
Wer noch nie hat an der Blutwurst gerochen
Und Nelken bloss zum riechen nahm
Der weiss nicht wie Tränen sinken
Blos weil er zum kochen zwei Zwiebel nahm

Wer noch nie hat den Pfeffer gestossen
Knoblauch, Zimmt, von Uhren den Grünspan
Wer noch schlackert allein in seinen Hosen
Weiter bis der Sterndeuter kam
Der schabt sich selbst das Fleisch vom Bein
Der weiss nicht wie Knochen hinken
Prothesenbleich zum Wasserhahn

Wer noch nie seine Frau geschlagen
Und Kohlen unterm Schnee versteckt
Und nie in Taschen hat rum getragen
Eine Eisstange, wo jede Gore gern dran schleckt
Der weiss nicht wie Augen schmelzen
Dem Schneemann unterm Wasserhahn
Der schwarzen Frau
Der schwarzen Frau
Die Dich trinkt wie Enzian.

Erwin TRUM
Extrait de « Schnulzenbrot ».

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